Geologie, Wasser & Klima
Gestein verstehen. Wasser folgen. Klima begreifen.
© Hans Jürgen Wessels
Geologie der Egge
Die Egge ist nicht nur durch ihre Wälder geprägt, sondern ebenso durch ihren geologischen Aufbau, ihren Wasserreichtum und besondere klimatische Bedingungen. Gestein, Relief, Quellen und Bäche bilden die Grundlage für die Vielfalt der Lebensräume und prägen die Entwicklung von Landschaft, Vegetation und Tierwelt bis heute. Viele dieser Zusammenhänge sind im Gelände sichtbar, auch wenn man sie nicht sofort als geologische Spuren erkennt. Wer die Egge verstehen will, muss deshalb auch auf das schauen, was unter dem Wald liegt.


Die Egge ist ein Mittelgebirgszug mit einem eigenständigen geologischen Aufbau. Sie bildet den östlichen Rand des Teutoburger Waldes und zugleich eine markante natürliche Grenze zwischen unterschiedlichen Landschaftsräumen. Der geologische Untergrund prägt Relief, Böden und Wasserhaushalt und beeinflusst damit die Entwicklung von Vegetation und Lebensräumen bis heute.
Gestein und Entstehung der Landschaft
Geologisch besteht die Egge überwiegend aus Sandsteinen, die vor rund 100 Millionen Jahren im Erdmittelalter abgelagert wurden. Diese Gesteine formen die charakteristischen Höhenzüge, Kämme und Steilhänge des Eggegebirges. Durch tektonische Bewegungen wurden die Gesteinsschichten aufgerichtet und teilweise stark gefaltet, was zu dem für die Egge typischen, langgestreckten Relief geführt hat. Diese Aufrichtung wirkt bis heute nach, weil sie bestimmt, wie Wasser im Untergrund fließt und wo es wieder austritt. So entstehen kleinräumige Unterschiede, die später in Böden, Pflanzen und Lebensräumen wieder auftauchen.
Die unterschiedliche Widerstandsfähigkeit der Gesteine gegenüber Verwitterung hat ein kleinräumig gegliedertes Landschaftsbild entstehen lassen. Harte Sandsteine prägen Höhenrücken und Felsbereiche, während weichere Schichten schneller abgetragen wurden und Senken sowie Täler bilden.
Relief, Böden und Lebensräume
Der geologische Aufbau wirkt sich unmittelbar auf die Bodenentwicklung aus. Je nach Ausgangsgestein, Hanglage und Feuchtigkeit haben sich nährstoffarme, sandige Böden ebenso entwickelt wie kalkhaltigere Standorte in den Vorbergen. Diese Unterschiede bestimmen, welche Pflanzenarten und Waldgesellschaften sich an den jeweiligen Standorten entwickeln können.
Die Geologie bildet damit das Fundament der heutigen Landschaft. Sie prägt nicht nur das äußere Erscheinungsbild der Egge, sondern auch ihre ökologische Vielfalt und die enge Verzahnung von Wald, Offenland, Gewässern und Felsbereichen.
Wasser der Egge - Immer direkt an der Quelle
Das Eggegebirge wirkt bei der vorherrschenden Südwest-Windrichtung wie ein regelrechter Regenfänger. Bis über 1.200 Millimeter Niederschlag werden am Gebirgskamm als Steigungsregen aus der vom Atlantik kommenden feuchten Luft ausgekämmt. Das hat weitreichende Folgen für Klima, Wasserhaushalt und die Lebensräume der Egge. In Mulden und Senken sammelt sich das Regenwasser, die Böden saugen sich voll wie ein Schwamm. Dennoch entsteht durch die ergiebigen Niederschläge ein deutlicher Wasserüberschuss.
Da der Felsuntergrund der Egge von Spalten und Klüften durchzogen ist, versickern große Wassermengen rasch im Untergrund. Von den Kammlagen fließt das Wasser unterirdisch nach Osten und Westen, bis es an zahlreichen Stellen wieder als Quelle zutage tritt. Damit entstehen an vielen Stellen kleinräumige Feuchtbereiche, die den Wald bis in trockene Phasen hinein stabilisieren. Genau diese Übergänge aus nass und trocken schaffen oft die größte Vielfalt. Im Quellenkataster des Landes Nordrhein-Westfalen sind allein im Eggegebirge innerhalb der Staatswaldflächen rund 140 Quellen verzeichnet. Dabei handelt es sich lediglich um die größeren Quellen. Rechnet man die vielen kleinen und kleinsten Quellen hinzu, dürfte ihre tatsächliche Zahl drei- bis viermal so hoch sein.
Quellenvielfalt und geologische Grundlagen
Nicht nur die Anzahl der Quellen ist bemerkenswert, sondern vor allem ihre Vielfalt. Für die ökologischen Bedingungen der Quellen und ihrer Oberläufe ist die unterschiedliche Struktur von großer Bedeutung. Kluft- oder Spaltenquellen treten direkt aus Rissen im Fels zutage; ihr Wasser stürzt häufig über steile Felswände hinab. Schicht- und Sickerquellen dagegen entspringen oberhalb wasserstauender Gesteinsschichten und befeuchten meist größere Flächen. Entlang solcher Schichten können regelrechte Quellhorizonte entstehen, bei denen sich viele einzelne Quellen wie Perlen an einer Schnur aneinanderreihen. Solche Quelllinien sind nicht nur hydrologisch spannend. Sie sind Lebensräume mit eigener Dynamik, weil Temperatur, Sauerstoff und Feuchte hier anders sind als wenige Meter daneben.
Entscheidend für den Charakter einer Quelle ist auch das Gestein, aus dem sie gespeist wird. In der Egge sind dies vor allem Sandsteine sowie verschiedene Kalksteinformationen. Besonders die im Kalkgestein entspringenden Quellen bilden äußerst interessante Lebensräume. Beim Durchströmen des Kalksteins löst das Wasser den Kalk allmählich auf. Es entstehen Klüfte, Hohlräume und mitunter sogar Höhlen – ein Prozess, der als Verkarstung bezeichnet wird.
Große Karstquellen finden sich etwa an Alme, Pader, Lippe und Heder. Die Quellen des Eggegebirges sind dagegen deutlich kleiner und weisen geringere Wasserschüttungen auf. Tritt das Wasser aus Karstquellen wieder an die Oberfläche, kann der gelöste Kalk unter Sauerstoffeinfluss ausfallen. Er lagert sich in der Quelle und im Quelloberlauf auf Moosen, Blättern und Steinen als helle, bröckelige Schicht ab – der sogenannte Kalktuff. Dieser Vorgang wird als Versinterung bezeichnet. Im Laufe der Zeit können so mächtige Kalktuffschichten und regelrechte Sinterterrassen entstehen. Aufgrund ihrer Seltenheit, Empfindlichkeit und besonderen Ausprägung stehen Kalktuffquellen europaweit unter besonderem Schutz. Gerade ihre Empfindlichkeit zeigt, wie schnell solche Systeme aus dem Gleichgewicht geraten können. Wo sie erhalten bleiben, bewahren sie zugleich die Bedingungen für hoch spezialisierte Arten, die auf konstante und saubere Quellbereiche angewiesen sind.
Lebensräume an der Quelle
Die Quellen des Eggegebirges sind äußerst wertvolle Lebensräume für spezialisierte Arten. Markant sind etwa die Feuersalamander, deren Larven häufig in Quelloberläufen vorkommen. Auch die Gestreifte Quelljungfer, deren Larven mehrere Jahre in den Quellen leben, pflanzt sich in der Egge noch an vielen Quellbächen fort. Bachflohkrebse wiederum zersetzen in großer Zahl Falllaub in den Gewässern.
Viele Karstquellen fallen im Sommerhalbjahr regelmäßig trocken. Die typischen Bewohner dieser Lebensräume sind daran angepasst. So ziehen sich die Larven der Quellköcherfliege bei Trockenheit tief in Spalten des Untergrunds zurück und überstehen dort die wasserarme Zeit.
Ein weiterer bemerkenswerter Spezialist ist der Alpenstrudelwurm. Er besiedelt im Eggegebirge zahlreiche kühle, sauerstoffreiche Quellen, kann jedoch nur bei Temperaturen unter 15 °C überleben. Als Eiszeitrelikt hat er sich seit der letzten Kaltzeit in geeigneten Quellen halten können. Seine Nahrung besteht vor allem aus Bachflohkrebsen, während er selbst unter anderem von Steinfliegen gefressen wird.
Alle Quellen reagieren äußerst empfindlich auf Verschmutzungen und Veränderungen, etwa durch das Befahren mit schweren Maschinen. Die Quellen der Egge sind ein besonderer Naturschatz, der nur durch großräumigen Schutz und einen behutsamen Umgang langfristig bewahrt werden kann.















Klima der Egge
Klimatisch ist die Egge ein Übergangsraum zwischen zwei großen Klimazonen: dem atlantischen und dem kontinentalen Klimabereich. Diese besondere Lage prägt das lokale Klima ebenso wie die Vegetation und die Tierwelt und macht die Egge innerhalb der Region zu einem klimatischen Sonderraum.
Übergang zwischen Atlantik und Kontinent
Die Vorberge der Egge sowie der Egge-Westhang gehören noch zum atlantisch geprägten Klimabereich. Kennzeichnend sind mäßig warme Sommer und vergleichsweise milde Winter. Das gehäufte Vorkommen der Stechpalme (Ilex aquifolium) ist ein typisches Merkmal dieses atlantischen Einflusses.
Demgegenüber zeigen der Egge-Osthang und weite Teile der Süd-Egge bereits deutlich kontinentalere Züge. Hier treten mehr winterliche Frosttage auf, die mittlere Jahrestemperatur ist geringer und auch die Niederschlagsmengen nehmen ab. Diese klimatischen Unterschiede zwischen West- und Osthang stellen in der Region ein Alleinstellungsmerkmal der Egge dar und führen zu ausgeprägten Besonderheiten in Vegetation und Fauna. Für viele Arten bedeutet das, dass ihre Verbreitungsräume hier an Grenzen stoßen oder sich überlagern. Dadurch entstehen Kontraste, die man an Pflanzen und Tieren ablesen kann, wenn man genauer hinschaut. So findet beispielsweise die atlantische Verbreitung des Steinkauzes am Fuß von Egge und Teutoburger Wald ihre östliche Grenze.
Raues Klima auf dem Eggekamm
Auf dem Eggekamm kommen weitere klimatische Effekte hinzu. Das Eggegebirge staut die vom Atlantik herangeführten Luftmassen und zwingt sie zum Aufsteigen. Dadurch erhöht sich die Windgeschwindigkeit im Kammbereich deutlich, gleichzeitig kühlt die Luft ab. Die Folge sind häufige Wolkennebel und hohe Niederschläge, die zusammen mit starken Winden zu einer besonderen Rauigkeit des Klimas auf dem Höhenzug führen. Die dort vorkommenden Pflanzenarten zeugen eindrucksvoll von diesen extremen Standortbedingungen. Solche Bedingungen wirken nicht spektakulär, aber sie prägen den Wald über lange Zeiträume. Sie entscheiden mit darüber, welche Waldtypen sich halten können und wo besondere Lebensgemeinschaften entstehen.
Bergwaldklima auf geringer Höhe
Während die Vorberge der Egge der Hügellandstufe zuzuordnen sind, weist die Kammzone trotz ihrer vergleichsweise geringen Höhe von rund 420 Metern über NN bereits Merkmale der Bergwaldstufe auf, die üblicherweise erst in Höhen von 500 bis 700 Metern erreicht wird. Entsprechend bietet die Egge einer ungewöhnlich großen Zahl von Bergwaldpflanzen und -gesellschaften geeignete Lebensbedingungen. Anstelle eines Hainsimsen-Buchenwaldes gewinnt hier die Eiche an Bedeutung, begleitet von Eberesche und Birke. Hinzu kommt eine krautige Vegetation, die auf saure Böden hinweist und typische Arten der Bergwaldstufe umfasst, darunter Drahtschmiele, Besenheide, Zwiebelzahnwurz und Salbei-Gamander.

