Lebensräume
Wald Fels Wasser. Räume nebeneinander erleben.
© Marion Wessels
Die Geheimnisse des Waldes
Naturerbe Buchenwald

In den naturnahen Laubwäldern der Egge ist die Rotbuche die dominierende Baumart. Deutschland trägt eine globale Verantwortung für das Naturerbe Rotbuchen-Wald. Denn Rotbuchenwälder sind ein europäisches Naturerbe und kommen außerhalb Europas nicht vor. Was wir hier verlieren, lässt sich an keinem anderen Ort der Welt einfach ersetzen. Diesen Schatz vor der eigenen Haustür gilt es zu bewahren.
Von Natur aus würden Rotbuchen-Wälder rund zwei Drittel der Fläche Deutschlands prägen. Durch Eingriffe des Menschen, auch der Forstwirtschaft, sind es heute nur noch sechs Prozent der ursprünglichen Fläche. Nur wenn wir den Erhalt unserer „Urwald“-Lebensräume sichern, können wir auch von anderen Ländern den Schutz von zum Beispiel tropischen Regenwäldern fordern. Zu diesen Lebensräumen gehören alte Wälder mit Totholz, Höhlenbäumen und ungestörten Entwicklungsphasen. Gerade dort finden spezialisierte Arten Bedingungen, die in genutzten Wäldern nur selten dauerhaft erhalten bleiben.
Die Egge gehört zu den bedeutendsten Buchenwaldlandschaften in Ostwestfalen-Lippe. Unterschiedliche Standortbedingungen haben hier eine ungewöhnliche Vielfalt an Waldtypen entstehen lassen, die eng miteinander verzahnt sind.
Buchenwälder – Vielfalt durch Standortunterschiede
Abhängig von Gesteinsuntergrund, Geländeform, Klima und Niederschlag kommen in der Egge natürlicherweise fünf unterschiedliche Buchenwaldtypen vor. In allen ist die Buche vorherrschend, begleitet von weiteren Baumarten wie Berg-Ahorn, Stiel- und Trauben-Eiche, Sand-Birke, Eberesche und Esche. Ihre Benennung ergibt sich aus der jeweils charakteristischen Zusammensetzung der Pflanzenarten in der Krautschicht. Nur in Bachtälern, ausgedehnten Quellbereichen des Egge-Westhangs sowie in Hangmooren des Egge-Osthangs bestimmen bachbegleitende Erlen- und Erlenbruchwälder das Landschaftsbild.
Hainsimsen-Buchenwald – der prägende Waldtyp
Unter natürlichen Bedingungen würde der Hainsimsen-Buchenwald große Teile der nährstoffarmen, oft sandigen Böden des Egge-West- und Osthangs sowie der Südegge bedecken. Die Weiße Hainsimse prägt hier häufig den Waldboden, begleitet von wenigen weiteren Arten wie dem Sauerklee; an südexponierten Hängen tritt auch das wärmeliebende Perlgras hinzu. Heute sind diese Flächen überwiegend durch Fichtenwirtschaft geprägt.
Drahtschmielen-Buchenwald – angepasst an magere Standorte
Kleinflächig entwickelt sich in Tälern und Mulden auf sauren, nährstoffarmen Standorten der Drahtschmielen-Buchenwald. Die Drahtschmiele ist eine ausdauernde Graspflanze, die mit bis zu einem Meter langen Wurzeln selbst spärliche Nährstoffe aus dem Boden erschließen kann.
Waldmeister-Buchenwald – Frühling im Wald
Der Waldmeister-Buchenwald wächst auf den kalkhaltigen Böden des Egge-Osthangs, in den Egge-Vorbergen sowie in Teilen der Südegge. Im zeitigen Frühjahr bilden Waldmeister und weitere Frühblüher – darunter Lerchensporn, Leberblümchen, Märzenbecher und Bärlauch – dichte Blütenteppiche.
Sie versorgen Insekten nach dem Winter mit lebenswichtigem Nektar und prägen zugleich das Naturerleben vieler Menschen in der Region.
Flattergras-Buchenwald – ein weitgehend verlorener Waldtyp
Östlich und westlich der Egge vorgelagert sind Bereiche des Flattergras-Buchenwaldes auf Lösslehmböden. Dieser Waldtyp war ursprünglich weit verbreitet, wurde jedoch aufgrund der fruchtbaren Böden in weiten Teilen durch Acker- und Grünland verdrängt.
Eichen- und Hainbuchenwälder an Grenzstandorten
Relativ kleinflächig kommen Eichen-Buchenwälder vor, insbesondere in sandigen Übergangszonen zum Tiefland sowie in Kammlagen, wo die Konkurrenzkraft der Buche nachlässt. Auf stärker vernässten Böden am Fuß des Egge-Osthangs ist die Buche ebenfalls gehemmt; hier dominieren Stieleichen-Hainbuchenwälder.
Zwiebelzahnwurz-Buchenwälder – eine botanische Besonderheit
Die Buchenwaldtypen der Egge sind eng miteinander verzahnt und wechseln sich kleinräumig ab. Wenig bekannt, aber besonders bemerkenswert sind die Zwiebelzahnwurz-Buchenwälder. Die Zwiebelzahnwurz ist ein Frühblüher, der noch vor der Belaubung der Buchen blüht und sich überwiegend über sogenannte Brutzwiebeln vermehrt. Eigentlich in Bergwäldern verbreitet, findet die Art im Eggegebirge aufgrund des speziellen Klimas einen geeigneten Lebensraum. Solche Besonderheiten zeigen, wie stark kleinräumige Standortunterschiede die biologische Vielfalt prägen. Sie machen deutlich, dass Schutz hier nicht nur Fläche meint, sondern die Bedingungen, die solche Vorkommen überhaupt ermöglichen.
Wo der Wald neu erwacht







Die Kraft der Natur - Die neuen Wälder der Egge
Chancen nach dem Umbruch
Die sogenannten Kalamitätsflächen eröffnen für die zukünftige Entwicklung der Wälder im Eggegebirge große Chancen. Hier können sich neue Wälder vielfältig und auf natürliche Weise entwickeln.
Licht als Motor des Waldes
Licht ist der entscheidende Faktor im Wald. Der Wettbewerb um Sonnenenergie prägt das Wachstum der Pflanzen und hat zur Entwicklung von Bäumen und Wäldern geführt. Wo Licht auf den Boden fällt, beginnt neues Leben. Mit dem Licht kehren viele Pflanzenarten zurück, die in dichten Beständen kaum Chancen haben. Davon profitieren Insekten und andere Tiergruppen, weil wieder mehr Blüten, Samen und unterschiedliche Strukturen entstehen.
Natürliche Vielfalt und Struktur
In natürlichen Wäldern wachsen zahlreiche Baum- und Straucharten in unterschiedlichen Formen und Altersstufen. Neben sehr alten, absterbenden oder bereits toten Bäumen finden sich alle Entwicklungsphasen bis hin zum jungen Keimling. Gerade absterbende und tote Bäume sind kein Verlust, sondern ein eigener Lebensraum. In ihnen entwickeln sich unzählige Organismen, und sie schaffen Höhlen, Spalten und feuchte Bereiche, die viele Arten brauchen. So entsteht vom Waldboden bis zum Kronendach ein vielschichtiger Aufbau. Durch das natürliche Absterben einzelner Bäume öffnen sich immer wieder kleine Lichtungen im Kronendach.
Monokulturen und ihre Grenzen
In Wirtschaftswäldern werden meist gleichartige und gleichaltrige Bestände gefördert. Besonders ausgeprägt war dies in den Fichtenforsten, die über Jahrzehnte große Teile des Eggegebirges prägten. Dürre und Borkenkäfer haben jedoch dazu geführt, dass diese Bestände fast flächendeckend abgestorben sind.
Bis zum Sommer 2022 entstanden im Staatswald der Egge rund 3.000 Hektar Kalamitätsflächen – etwa ein Viertel der Staatswaldfläche. Für die Forstwirtschaft ist dies eine tiefgreifende Zäsur, für den Lebensraum Wald eröffnet sich damit jedoch eine neue Entwicklungsperspektive.
Die Rückkehr des Waldes
Die meisten dieser Flächen sind inzwischen nicht mehr kahl. Sonnenlicht hat Samen und Jungwuchs von Bäumen, Sträuchern und anderen Pflanzen aktiviert. Birken prägen vielerorts die ersten Pionierwälder, in feuchteren Bereichen wachsen Schwarz-Erlen und Weiden. Auch Ebereschen, Buchen und Eichen entwickeln sich, teils aus früheren Unterpflanzungen, die nach dem Absterben der Fichten einen deutlichen Wachstumsschub erfahren haben.
Neue Wälder für kommende Jahrzehnte
In den kommenden Jahrzehnten werden sich auf diesen Flächen artenreiche, stabile Laubmischwälder entwickeln. Anders als die früheren Monokulturen bieten sie vielfältige Strukturen und werden zu wichtigen Lebensräumen für zahlreiche Tierarten. Diese selbstständige Wiederbewaldung ist ein natürlicher Prozess, der vor allem Zeit und Ruhe benötigt. Viele Strukturen, die einen Wald artenreich machen, entstehen erst über lange Zeiträume. Wenn Entwicklung nicht ständig unterbrochen wird, können sich stabile Lebensräume herausbilden, die auch mit Veränderungen im Klima besser umgehen. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich bereits an anderen Orten beobachten, etwa im Nationalpark Bayerischer Wald. Auch in der Egge zeigt sich hier die Kraft der Natur – mit dem Potenzial, neue, vielfältige Wälder entstehen zu lassen.
Wälder im Werden













